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SCHWANENBUSSI‘S

SCHWANENBUSSI‘S

eine Sage vom Traunsee, wie die Bewohner einer kleinen Stadt zu einem wundersamen Namen kamen, erzählt von HELMUT WITTMANN
Wår‘s a so, oder wår‘s net a so, und wad‘s net a so gwen, daunn kunnt i‘s net a so vazöln, da lag am Ufer eines schillernden Sees eine kleine, feine Stadt. Die Menschen in der Stadt waren gesegnet. Gesegnet mit dem weißen Gold der Berge - dem Salz. Sie handelten damit und verkauften es hinaus in die Welt. Freilich mussten sie dazu das Salz immer wieder kosten. Das aber machte die Leute in der Stadt nach und nach sauer. Sie wurden wohlhabend mit dem Salz, ja sogar vermögend! Gleichzeitig aber machte sich das Saure in ihrem Leben breit wie das Salz in der Suppe.
Den Bürgern der Stadt fiel das allerdings gar nicht auf - den Leuten im Land rundum dafür umso mehr. Die konnten die Menschen der Stadt deshalb immer weniger leiden.
»Was wollt ihr denn!?«, meinten da die Stadtleute zu den Landmenschen, »seid doch froh, dass ihr uns habt und, dass ihr was abkriegt von unserem weißen Gold. So bekommt ihr auch etwas ab von unserem Wohlstand!«, schimpften sie.
Einmal kam ein Fremder in die Stadt. Der war heilkundig und weise. So wusste er, wie heilsam eine feine Prise Salz sein kann, vorausgesetzt die Qualität stimmt und es wird richtig angewendet. Tatsächlich bekam er das Salz in der Stadt genau wie er es brauchte und wollte. Da war seine Freude groß. Die saure Art und die Bitternis der Stadtbewohner aber, die schreckten den Weisen. »Das weiße Gold ist ein wahrer Segen«, meinte er nachdenklich, »euch aber hat es nur sauer gemacht und bitter. Dabei gibt‘s ein einfaches Gegenmittel: Schaut doch hinaus auf den See - wie er glitzert und funkelt! Schaut, wie majestätisch die Schwäne über das Wasser ziehen! Nur der, den immer wieder einmal die Muse küsst, hat wirklich Freude am Leben!«
Der Fremde zog drauf weiter. Die Leute in der Stadt aber lachten nur über das, was er gesagt hatte. Einigen gaben seine Worte aber auch zu denken. »Vom Kuss der Muse hat er gesprochen«, überlegte eine Frau. »Was hat der damit bloß gemeint?« - »Ja«, warf ein anderer ein, »und von den Schwänen am See hat er geredet. - Ganz sicher! Ich hab‘s gehört.« - »Aber - wer wird denn Schwäne abbusseln!?« wunderte sich die Frau. Ein Dritter meinte: »Also ich versuch‘s! Vielleicht hat der Fremde wirklich recht und ein Schwanenkuss bringt viel Freude ins Leben. Klappt‘s nicht, so bin ich immerhin der Erste, der so etwas gewagt hat!« Flugs eilte er hinunter zum See. Dort lockte er ein paar Schwäne an und stürzte sich drauf, um einem der Schwäne ein Busserl, also einen Kuss, zu entreißen. Der Schwan wehrte sich freilich so gut wie er konnte. Er schlug mit den Flügeln um sich und zwickte den Mann mit dem Schnabel so fest in die Lippen, dass der »Schwanenbussler« durchdringend aufschrie. Au weh, das Schwanenbussi brannte wie Feuer! Alle die das mit anschauten, waren baff. »Respekt!« sagten sie, »der Mann traut sich was! So fest wie der Schwan zupeckt, riskiert der gute Mann eine dicke Lippe!«
Und wirklich: Die Lippen des Schwanenbusslers waren nachher geschwollen und dick. Umso größer war die Bewunderung in der Stadt. Ja, es dauerte nicht lange, da war die dicke Lippe das Wahr-zeichen aller, die etwas gelten wollten. Sie stand für das Schwanenbussi, aber auch für Mut und Unerschrockenheit. Und natürlich wurde die dicke Lippe stolz im Land rundum zur Schau getragen. »Schaut nur her!« protzten die Schwanenbussler. »Wir getrauen uns was! Wir riskieren eine dicke Lippe - selbst wenn‘s weh tut!«
Die Leute am Land schüttelten nur die Köpfe. Mehr noch: Die Einwohner der Siedlung am oberen Ende des Sees nannten die Leute der Stadt von da an »Schwanenbussi«. Einmal spielten am Seeufer ein paar Kinder. Die ließen sich zwischendurch ein Jausenbrot schmecken. Das lockte einen Schwan an. Ein kleines Mädchen schloss den Vogel gleich in ihr Herz. Freundlich streichelte sie den Schwan und steckte ihm gar den letzten Bissen von ihrem Brot in den Schnabel. Da breitete der Vogel seine Flügel aus. Der Schwan umarmte das Dirndl und stubste ihm mit dem Schnabel sacht ein Bussi auf die Stirn. In diesem Moment ging dem Kind ein Licht auf. Ja, es sprudelte über vor Einfällen und Ideen, kurz: vor lauter Lebenslust! Die anderen konnten sich gar nicht genug wundern. »Ihr müsst den Schwänen keine Bussis herauswürgen«, lachte das Mädchen, »macht lieber euer Herz auf. Dann fliegen euch die Bussi wie von selber zu!«
Ein paar Leute, die besonders sauer und verstockt waren, hatten damit aber so gar keine Freude: »Da riskier‘ ich doch lieber eine dicke Lippe, als dass ich da lang mit einem Schwan herumtue«, schimpften sie. Andere in der Stadt waren allerdings neugierig geworden und hörten auf das, was das kleine Mädchen zu sa - gen hatte. Entspannt schauten sie auf den See und ließen all die Pracht auf sich wirken. Unverhofft tauchte dann mitunter ein Schwan auf und schnabelte den Leuten sacht ein Bussi zu. Da war das Saure wie mit einem Flügelschlag weggewischt.
Plötzlich sahen sie die Welt rundum mit neuen Augen. Groß war die Freude an dem, was sich da darbot. Für die, die immer noch gern eine dicke Lippe riskierten, war »Schwanenbussi« jetzt zum Schimpfwort verkommen. Für die anderen aber, in deren Augen sich das Leuchten vom See widerspiegelte, war es eine Auszeichnung. Denn wie so oft im Leben trifft das eine genauso zu wie das andere ... ... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie wohl heute noch!